Freitag, 15. Januar 2010

Wieder eine Woche rum. Es ist verrückt wie schnell die Zeit vergeht.

Das Leben hier in Masala gestaltet sich absolut anders als das, welches ich in Kitwe genießen konnte.
Dass jeden morgen kein Tropfen Wasser aus den Leitungen kommt, gehört hier wohl einfach mit zum Alltag. Mittags und abends sieht es oftmals ähnlich aus, deshalb muss ich am Abend immer schon für den nächsten Tag vorsorgen. In drei Eimern schleppe ich das Wasser in Küche und Bad, sodass ich mir morgens wenigstens einen Kaffee kochen und die Zähne putzen kann. Das mit dem Kaffe geht allerdings auch nur, wenn Strom da ist.
Neben dem täglichen Wasserproblem, fällt regelmäßig der Strom aus. Zu manchen Tageszeiten steht hier einfach alles still. Die ersten Tage war ich echt bisschen hilflos. Ich konnte nicht kochen, ich konnte meine Wäsche nicht waschen, nicht putzen, keine Musik hören, selbst duschen konnte ich nicht. Ich gehe ins Zimmer und schalte automatisch das Licht an, ich drehe automatisch den Wasserhahn auf, um mir die Hände zu waschen und es kommt einfach nichts.... Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Die Arbeit macht mich traurig. Was anderes kann ich im Moment gar nicht sagen.
Am Montag war ich mit Roda, dem Mädchen, von dem ich euch erzählt habe, im Krankenhaus. Sie sollte noch einmal durchgecheckt werden und die Medikamente für HIV bekommen.
Bei der Aufnahme fand ein großes Rätselraten über Rodas Alter statt. Einen Pass oder Personalausweis gibt es nicht. Erst wusste die Heimmutter nicht, wie alt Roda ist, dann behauptete sie, sie sei 1 Jahr alt. Daraufhin meinte die „Sprechstundehilfe“, dass sie aber viel älter aussehe. Mindestens 2. Kurzes schweigen, dann wollte die „Sprechstundenhilfe“ von mir eine Alterseinschätzung. Oh man! Nach langem hin und her schrieb die nette Dame dann einfach irgendein Geburtsdatum auf. Unglaublich.
Wir mussten stundenlang warten, bis Roda dann endlich im gleichen Raum unter den Augen aller anderen Patienten untersucht wurde. Dieses Mädchen wiegt nur 6 Kilogramm!!! Jedenfalls hat sie jetzt die Medikamente. Diese schlagen aber nicht an und deswegen ist sie am Mittwochmorgen wieder ins Krankenhaus gekommen. Diesmal haben sie sie da behalten. Sister Philomena erzählte mir an meinem ersten Arbeitstag, dass sie in den ersten Jahren an die 120 Kinder in einem Jahr verloren haben. Das muss man sich mal vorstellen… Das sind 10 Kinder in einem Monat!!!

Soweit ich weiß ist Sambia das Land mit der zweithöchsten Aidsrate. 20 % der 15 – 49- Jährigen sind HIV positiv, ebenso jede vierte Schwangere und ein Drittel aller Kinder hat mindestens ein Elternteil durch Aids verloren. Das ist so krass. An den Straßenrändern stehen große Mahnschilder auf denen steht „protect yourself – use Condoms!“ und im Krankenhaus liegen Broschüren aus, in denen über Aids aufgeklärt wird. Das ist nur das was ich sehe, aber hoffentlich nicht alles, was unternommen wird, um diese Seuche zu stoppen.

Ich kann nur hoffen, dass Roda im Krankenhaus wieder zu Kräften kommt.

Eine andere Sache, die mich einfach nur traurig und sprachlos macht, ist die Art wie hier mit den Kindern umgegangen wird. Wie die Babys behandelt werden ist nichts Neues für mich. Hier sind sie ebenso brutal, lieblos und herzlos zu ihnen wie in Kitwe.
Noch viel schlimmer ist die Betreuung der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen. Betreuung kann man das eigentlich nicht mehr nennen. Viel mehr ist es eine Aufbewahrung!!! Kinder, die keinen Schluckreflex haben, die bei uns per Sonde ernährt werden würden, bekommen den Brei in den Mund gestopft, sodass ich nicht zusehen kann, andere liegen stundenlang eingekotet in ihren Betten, weil erst alles fertig geputzt werden muss, gewaschen werden sie zwischendurch nicht, denn sie machen sich ja eh wieder schmutzig und kotet sich erneut ein. Auch Wasser zum trinken bekommen sie hier nur nach den Mahlzeiten. Bloß nicht vor den Mahlzeiten, oder zwischendurch. Es ist einfach unmenschlich, wie sie diese Kinder hier behandeln. Es kostet mich jedes Mal eine enorme Überwindung in das Haus der Behinderten zu gehen. Abgesehen von dem Gestank ist der Anblick kaum zu ertragen. Ich habe angefangen das zu tun, was ich für richtig halte. Anders würde ich es hier nicht aushalten. Ich gebe den Kindern Wasser, wann immer ich denke, dass es richtig ist. Das Wasser wird nicht abgekocht, aber ich denke mir eher das Wasser, als gar keins. Sie reißen mir den Becher aus der Hand und kippen es ab, als wären sie kurz vor dem verdursten gewesen. Ich gehe mit dem spastischen Jungen auf Toilette, warte bis er fertig ist und lasse ihn nicht so lange dort sitzen, bis er halb in der Kloschüssel versunken ist. Gerade für die Kinder, die zwar körperlich behindert sind, aber geistig echt fit sind, muss es doch echt schlimm sein.

Vielleicht denkt der Ein oder Andere jetzt, dass ich mich besser anders verhalten sollte. Vielleicht! Es wurde immer gesagt, dass ich mich als Freiwillige integrieren soll. Das ist so leicht gesagt. Ich versuche es! Zumindest soweit, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, denn Integration bedeutet für mich nicht, mich diesen unmenschlichen Gewohnheiten anzupassen und meine eigenen Prinzipien zu vergessen.

Ich denk an Euch!

1 Kommentar:

  1. Echt krass, was du bei deiner Arbeit alles erlebst. Zieh echt meinen Hut vor deiner Leistung! Finde es auch gut, dass du in gewisser Weise dein eigenes Ding macht. Denn irgendwo hört die integration ja auch auf, vor allem wenn es um die Betreung der Kinder geht. Denn es wäre ja schon unmenschlich zu verlangen, dass du sie, in unserem Sinne, schon fast misshandeln musst. Du machst das genau richtig! Wünsche dir einfach, dass dich in diesem Fall deine Kraft nicht verlässt und freue mich schon, wenn wir nächste Woche etwas ausführlicher auf der langen Zugfahrt nach Tansania darüber reden können.

    Viele Grüße aus Mpika sendet dir
    Der Carsten

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